Dienstag, 5. Dezember 2017

Adventtäuschung





Ich bin genervt.
Dabei hatte alles so schön angefangen, vor etwa einer Woche: Ich habe geputzt und dekoriert, eingekauft und gebacken, Kleinigkeiten verpackt und Adventskalender gefüllt, Lichterketten aufgehängt, Nägel in die Wand gehämmert, Kerzen aufgestellt, Sterne gefröbelt, Weihnachtslieder auf den USB-Stick geladen, Bücher rausgesucht und mir die glänzenden Kinderaugen vorgestellt. Ach, und nicht nur die: In meinem Kopf war alles so schön gewesen, so feierlich, still, besonders und besinnlich, so würdevoll und lichterglänzend…

Die adventliche Realität sieht mal wieder anders aus: Ein Streit jagt den nächsten, es gibt Geheule und Gezanke wegen allem und jedem, die Kinder hören nicht, trödeln, jammern und motzen, und ich motze auch. Ja, die adventliche Realität ist so überhaupt nicht still, feierlich und würdig, sondern einfach nur stinknormal. Die Kinder sind die gleichen Kinder wie immer, und ich bin die gleiche Mama wie eh und je, die es nicht mag, zu spät zu kommen und deshalb die Kinder antreibt, die nicht möchte, dass die Kinder Schokolade pur zum Frühstück essen und die zum hunderttausendsten Mal sagt, dass an der Lichterkette nicht gezogen werden soll!

Jeden Morgen hoffe ich darauf, dass es besser wird. Stehe ein bisschen früher auf, mache Pancakes und halte sie im Ofen warm, knipse die Lichterkette an und drehe die Weihnachtsmusik auf. Ich wecke die Kinder so zärtlich sie es nur zulassen und wünsche ihnen einen fröhlichen Adventmorgen. Noch ist alles schön, so still und erwartungsvoll… Doch dann sage ich, dass jetzt Zeit zum Aufstehen und Anziehen ist, und schon geht das Drama wieder los – das Kind mit der übervollen Windel will erst mal puzzeln und das größere Kind kämpft tränenreich mit seiner Strumpfhose… Wir sind viel zu spät dran und es gibt Streit um den Adventskalender und die Schokolade darin und schon wieder heulen die Kinder und ich schimpfe und motze. Von wegen o du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Zum Heulen ist das doch!

Manchmal möchte ich am liebsten das alles sein lassen, den Adventskalender, das Plätzchen backen, das Lieder singen, das Geschichte lesen, das Kerzen anzünden, wenn es bei all dem so viel Streit, Heulen und Meckern gibt.
Ich bin enttäuscht – von den Kindern, die all das Gute und Schöne anscheinend so wenig zu schätzen wissen, vom Advent, der hinter all meinen glänzenden Erwartungen weit zurück bleibt, und am allermeisten von mir selbst, weil ich es nicht schaffe, selbst adventlich zu sein. Ich bin mir selbst eine Adventtäuschung. Ich kann einfach nicht raus aus meiner Haut.

Ein Schuhladen in der Nähe wünscht uns im Schaufenster „ein perfektes Weihnachtsfest“. Nicht fröhlich, nicht gesegnet, nicht besinnlich – nein: Perfekt. Das hat mich echt ein bisschen aufgeregt.
Aber heute wird mir schmerzlich bewusst, dass es genau das ist, was ich mir tief im Herzen wünsche: dass alles perfekt ist im Advent und an Weihnachten!
Perfekte Deko, perfekte Plätzchen, perfekte Atmosphäre, perfekte Kinder, perfekte Mama… Alle funktionieren, alle harmonieren, alle sind ganz würdevoll, friedlich und auf Jesus fokussiert. So hätte ich ihn gern, den Advent!

Aber wenn alles so perfekt wäre auf dieser Welt, in unserer Familie und in meinem Herzen, dann hätte Jesus gar nicht geboren werden müssen.
Seinetwegen muss gar nicht alles „perfekt“ sein, seine Ankunft hängt nicht davon ab, ob wir friedlich, besinnlich, still, feierlich – perfekt – sind. Im Gegenteil: Er kommt zu uns, weil wir zanken, meckern, heulen, streiten, verletzen, enttäuschen… Er kommt zu uns, weil er weiß, dass wir Frieden brauchen. Frieden, Freude, Liebe, Geduld, Heilung, Freundlichkeit, Güte, Licht.
Und wir brauchen ihn doch so sehr!
Jeden Morgen wird mir das schmerzlich bewusst: Ich sehne mich nach Erlösung.

Aber wie schön: Es ist Advent, und das bedeutet, dass unser Erlöser kommt!
Er kommt zu uns in unsere Adventtäuschung, mitten hinein in Chaos, Streit und Stress – nicht als Partyplanner oder Foodstylist oder Facility Manager, nein, er bürdet uns nicht noch mehr auf.

Er kommt als kleines Baby, und er legt sich in eine Futterkrippe zu den Tieren in ein ärmliches Haus.
Ohne große Ansprüche, ohne Brimborium, ohne Stress.
Er kommt zu uns, in unsere Realität – Advent hin oder her.
Er kommt zu uns, unser Erlöser, und bringt uns sich selbst.

Ich wünsche mir, und uns allen, das so sehr, dass wir das mehr und mehr begreifen! Wir, die wir so schwer beladen sind mit Erwartungen und Enttäuschungen, mit Zank und Streit und Kekskrümeln und Terminkalendern und Geschenkekaufen und Traurigkeit.
In all dem so unbesinnlichen, glanzlosen, lauten, chaotischen, stinknormalen Adventsstress IST ER DA.
Trotzdem und gerade deshalb.
Unser Chaos schreckt ihn nicht ab. Wir dürfen ihn genau dahinein einladen, ihn dazu bitten, ihm Raum machen.

Das werde ich versuchen.
Jeden Tag neu, jeden Morgen wieder.
Er ist da.
Er ist gekommen, uns zu erlösen.
 
Sei willkommen!