Dienstag, 14. November 2017

Meine einzigartige Geschichte



Wenn man mich fragen würde, ob ich glücklich mit meinem Leben bin - so, wie es gerade ist und das, was bisher darin geschah - dann würde ich wahrscheinlich zustimmen. Ja, ich kann glücklich und zufrieden sein, dankbar für so viel Gutes.

Aber dann sind da diese Momente, in denen es mir doch einen Stich versetzt, wenn eine Freundin einen tollen Job angeboten bekommt, einfach so, oder wenn eine Cousine schwanger wird, mit dem ersten, zweiten, dritten oder vierten Kind, wenn ich auf einem Blog von spannenden Reisen in ferne Länder lese, von Weltgewandtheit und Abenteuern... Oder diese Tage, an denen ich so unglücklich bin mit meinem Körper und mich im Vergleich zu allen anderen Frauen dick, hässlich und unscheinbar finde. Augenblicke, in denen ich an Entscheidungen zweifle, die ich getroffen habe, in denen ich mir einfach wünschte, ein anderes, besseres Leben zu führen, ohne genau zu wissen, wie dieses "besser" denn konkret aussehen soll.

Vor ein paar Tagen dann stieß ich auf bei Gracelaced auf Instagram (wo sonst...) auf diesen Text:


'Deine arme Mama!', sagte die Dame
im Geschäft zu meinem Sohn,
als er ihr erzählte,
er habe fünf Brüder und keine Schwester.
Ich hörte das Gespräch mit,
und lächelte wissend in mich hinein.
Es gab eine Zeit,
da hätte mich ihre Reaktion
genervt oder verletzt,
ich hätte mich kleingemacht gefühlt.
Aber nicht heute.

Denn das, was sie nicht weiß, 
ist, dass wir am ärmsten sind,
wenn Stolz und das Streben nach Bequemlichkeit
unsere Erwartungen formen,
und am reichsten,
wenn wir unsere einzigartigen Geschichten
das nennen, was sie wirklich sind:
nichts als ein Geschenk.

Je mehr ich verstehe,
dass ich nichts verdiene,
dass alles Gnade ist,
desto strebe ich, mit dankbarem Herzen,
nach dem, was ich bereits habe.

Auch wenn es hart, unperfekt oder unbequem ist,
wenn meine Schwächen dadurch in den Mittelpunkt gerückt werden...
Die Geschichte, 
die Gott in unserem Leben schreibt,
ist genau die,
mit der er die Fülle unserer Reichtümer
in Christus offenbart.

Ruth Chou Simons
(übersetzt von mir)



Ich erinnerte mich sofort an Texte anderer Bloggerinnen, die sich über genau diese Art von Frage aufregten oder wunderten, warum es in der Gesellschaft immer noch eine Rolle spielt, wie viele Kinder welchen Geschlechts man hat und ob es wirklich bedauernswert ist, "nur" Jungs großzuziehen... Irgendwie konnte ich gut verstehen, dass einen solche Kommentare ärgern.

Und dann dachte ich: Wow!
Das ist wahre Demut.
Das ist Freude am Herrn,
das ist Dankbarkeit,
das ist Glaubensreife,
an der ich mir ein Beispiel nehmen werde.

Ich verdiene nichts.
Und ich muss auch nichts verdienen.
Alles ist Gnade.

Wann werde ich dies wirklich von ganzem Herzen verstehen und annehmen können? 

Ich dachte an all die Momente, in denen sich mein Leben so ungenügend anfühlt:
"Nur" zwei Kinder. "Nur" zu Hause. "Nur" ein Studium der Geisteswissenschaften. Christliches Elternhaus (wie lame!). "Nur" ein Partner für mein ganzes Leben, und eine ganz "normale", unaufregende Liebesgeschichte. "Nur" Ostsee im Sommer.
Keine klassische Schönheit. Keine Bikini-Figur. Kein stylisches Zuhause (und auch kein stylischer Kleiderschrank). Zu wenig Kraft. Zu viele Gedanken...

Und spürte, wie sehr dieser Text zu mir sprach, zu mir und meiner ganz einzigartigen Geschichte!

So hat Gott sich das gedacht mit mir und meinem Leben:
(Nicht alles ganz genauso, ich denke, da ist noch viel Potenzial, aber grundsätzlich schon!)

Dass ich in einem christlichen Elternhaus sehr behütet aufwachsen konnte -
Teil meiner Geschichte und große Gnade!
Mein Körper, meine Kraft, meine Möglichkeiten -
Teil meiner Geschichte und große Gnade!
Introvertiert, hochsensibel, geisteswissenschaftlich begabt -
Teil meiner Geschichte und große Gnade!
Ein Mann, der mich liebt und mit dem ich mein Leben teile -
Teil meiner Geschichte und große Gnade!
Zwei Kinder, ein Mädchen und ein Junge, mir anvertraut -
Teil meiner Geschichte und große Gnade!
Ein (bisher unerfüllter) Kinderwunsch -
Teil meiner Geschichte und große Gnade! (Auch wenn ich gerade nicht weiß, wie und wieso!)
Zeit zu Hause, für die Familie und für mich -
Teil meiner Geschichte und große Gnade!
...

Das alles gehört zu mir und macht mich aus und ist kein Zufall (und noch viel weniger ein Unfall!).
Es ist Gnade und Geschenk und dient dazu, die Fülle Christi in meinem Leben und durch mein Leben sichtbar werden zu lassen.
Nicht so, wie bei meiner Freundin oder meiner Cousine.
Gott ist da viel kreativer, viel großzügiger, viel verschwenderischer, viel individueller!
Er schreibt nicht nur diese eine Geschichte - er schreibt eine eigene für jede von uns.
Und das Beste: Ich weiß schon, dass meine Geschichte ein happy end hat. 

Als ich ein wenig über Ruth's klugen Text nachdachte, fiel mir eine kleine Begebenheit aus Johannes 21 ein. Der auferstandene Jesus hatte Petrus gerade den Auftrag erteilt, seine Schafe zu weiden. Da schaute Petrus auf Johannes und fragte Jesus: "Herr, was wird aus ihm?" Und Jesus antwortete: "Was geht dich das an? Folge du mir nach!"
Mir ist diese Bibelstelle sehr wichtig, gerade weil ich auch oft nach rechts und links schaue und ein bisschen darauf schiele, was Gott im Leben meiner Mitchristen tut - könnte er nicht auch mir einen Job auf dem Silbertablett servieren oder mich einfach schwanger werden lassen oder mir eine krasse Aufgabe anvertrauen oder ... ? "Ja, Herr", sage ich dann zu Jesus, "was du da im Leben der anderen tust, ist ja ganz schön. Aber was wird aus mir?"
Seine Antwort fällt immer gleich aus: "Folge du mir nach! Was ich im Leben der anderen wirke, spielt erst mal keine Rolle für dich und dein Leben. Meine Geschichte mit dir ist eine andere, neue, nie dagewesene. Folge mir einfach nach.Vertrau mir."


In der Wanderlust-Lektion von letzter Woche stellte unsere Lehrerin Kasia uns die Aufgabe, eine Art Journal-Seite über die kleinen, alltäglichen Dinge in unserem Leben zu erstellen, für die wir dankbar sind. Anstatt uns vorzustellen, dass diese eine Errungenschaft oder Veränderung uns endlich glücklich machen werde, sollten wir auf das Hier und Jetzt schauen, das Gute aufschreiben und schließlich malen.
Für mich kam diese Übung genau zur rechten Zeit, um noch einmal mit Pinsel und Farbe darzustellen, was ich mir in meinem Kopf überlegt hatte. Wir als Familie sind zwar auf meinem Bild überhaupt nicht wiederzuerkennen, aber das macht nichts: Für mich transportiert das Bild ein bestimmtes Gefühl, es drückt Wärme, Liebe und Geborgenheit aus, und allein das zählt hier.

Ja, das ist meine kleine Familie. Meine mir von Gott anvertraute Familie.
Nichts als Gnade, nichts als ein Geschenk.
Die Farben, die ich benutze,
die Bilder, die ich male,
die Gedanken, die mich bewegen -
all das macht mich aus und ist Teil der einzigartigen Geschichte, die Gott mit meinem Leben schreibt.
Wenn es auch nichts weltbewegendes, atemberaubend schönes oder absolut interessantes ist,
für mich ist es mein Leben. Ein anderes bekomme ich nicht, und brauche ich auch nicht.

Denn in all dem offenbart sich die Fülle Christi, aus der ich lebe.
In meinen Gebrochenheiten, Unzulänglichkeiten, Schwächen noch viel mehr als im (scheinbar) Perfekten.
Dafür ist meine Geschichte da: Um IHN groß zu machen, um Seinen Duft zu verströmen, um Seine Botschaft zu verkünden, um Seinen Ruhm zu vermehren. Auf eine einzigartige Weise, die Gott mir zugedacht hat. Was für ein Wunder, was für ein Geschenk, was für eine Gnade!

Wer weiß, was noch kommt, welche Fäden Gott noch hineinwebt, welche Farben, Schnipsel, Kleckse er demnächst zum Bild hinzufügt, welche neuen Töne er anschlagen wird... zu Seiner Ehre.


Wie gesagt, das Ende wird ein glückliches sein.
Mehr muss ich zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht wissen.






Kommentare:

  1. Danke dafür, dass du deine wertvollen Gedanken mit uns teilst. Dieser Beitrag hat mich beeindruckt und mir gut getan!
    LG

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    1. Danke dir, liebe Perle, für deinen Kommentar. Mich haben diese Gedanken von Ruth auch sehr beeindruckt - und ich hoffe, dass sie immer mehr zu meinen natürlichen werden! Liebe Grüße zurück!

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  2. spricht mir in mein herz... oft wund und mit so viel" Nur"!

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    1. Ach, liebe Steffi! Ich wünsche uns beiden weniger "nur" und ganz viel "genug". Ich bin genug. Du bist genug. Jesus ist genug.

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